
Am 05.07.2025 fand auf der Festung Königstein in der Sächsischen Schweiz das erste der diesjährigen Sommer-Open Airs statt. Und wenn sich zum Festung Königstein Open Air solche Gäste wie Heilung und The Hu ansagen, wird das Konzert kurzerhand vor die Festungsmauer verlegt, um ausreichend Platz für Bühne, Bands und Gäste zur Verfügung zu haben. Wir waren für euch dabei, als es vor ausverkauftem ‚Haus‘ zur Sache ging. Gemeinsam mit den vielen Menschen, die ein Ticket ihr Eigen nennen konnten, warteten wir geduldig vor dem Platz, der eigentlich der Busparkplatz an der Festungsmauer ist. Der Einlass verlief unserer Wahrnehmung nach flott und reibungslos und nach ein paar Schritten über das Gelände öffnete sich der Blick auf die Bühne an der Mauer, auf der schon die Statue eines gigantischen mongolischen Kriegers auf uns wartete.
Das Publikum reihte sich vor der Bühne auf und pünktlich um 19 Uhr betraten The Hu aus der Mongolei die Bühne. Die acht Musiker hatten richtig Bock und nahmen alle Anwesenden mit in die Welt des Hunno-Rock, also quasi die mongolische Variante des Metal, die mit traditionellen Instrumenten wie Pferdekopfgeige, Maultrommel und dem typischen mongolischen Untertongesang gepimpt wurde. Sänger Gala animierte die Gäste direkt von Beginn an zum Mitmachen. Es wurden Pommesgabeln in die Luft gereckt, Refrains mitgebrüllt und viele Haare geschüttelt. Die Band, die zum ersten Mal an der Festung war, zeigte sich von der Location sehr beeindruckt. „This is so amazing!“, erklärte der Frontmann immer wieder. Das Set der Mongolen, die sich um die große Statue positioniert hatten, war ein bunter Mix aus allen Schaffensphasen der Band.
Die Fans durften sich also über Stücke wie „Yuve Yuve Yu“ und „Wolf Totem“ freuen, aber auch neuere Sachen wie „This Is Mongol“ und „Black Thunder“ hatten es in die Setliste geschafft. Ein Highlight war unter anderem das Iron Maiden-Cover „The Trooper“, bei dem auch Leute mitsingen konnten, die The Hu noch nicht so auf dem Schirm hatten. Zwischendurch feuerten die Musiker das Publikum immer wieder zum Klatschen an und ernteten auch reichlich Applaus nach jedem Stück. Zu Recht, denn alle acht verausgabten sich auf der Bühne, rockten zu ihren eigenen Liedern mit, droschen auf die großen Trommeln im Hintergrund der Bühne ein und holten aus ihren Saiteninstrumenten alles heraus. Die fanden wir übrigens ziemlich beeindruckend, denn was von Weitem wie Gitarren aussah, entpuppte sich als aufwendig gestaltete Version von mongolischen Pferdekopfgeigen und die werden bekanntlich mit Bogen gespielt.
Nach gut 45 Minuten war das Spektakel schon zu Ende, die Band verabschiedete sich wortreich und sichtlich zufrieden vom Publikum und als sie die Bühne verließen, wurde ein großer Vorhang zugezogen. Darauf prangte das Logo von Heilung und die Stimmung wurde merklich angespannter.
Nach einer relativ kurzen Pause erklang Vogelgezwitscher, das nicht von den Vögeln in der Umgebung kam. Der Vorhang öffnete sich und gab den Blick auf die Bühne frei, auf der viele Trommeln, ein Thron und diverse andere Instrumente standen. Die Mitglieder von Heilung kamen hervor und eröffneten den Auftritt mit einem Segen. Das Ritual begann! Und es zog sofort die Menschen vor der Bühne in seinen Bann. Heilung schaffen es jedes Mal, uns vom ersten Ton an mitzunehmen und in Staunen zu versetzen. Kai-Uwe Faust und Maria Franz, die sozusagen als Front der Band agieren, führten mit ihren Stimmen durch die Stücke, unterstützt natürlich von den drei Sängerinnen im Hintergrund und den Klangkonstruktionen von Christopher Juul. Die Perkussionisten des Projekts gaben den treibenden Rhythmus vor, zu dem sich das Publikum wiegte und die Krieger, die unbedingt zum Ritual gehören, stampften im Takt. Auf der Bühne wurden alte Götter und Naturgeister lebendig – es ist immer wieder faszinierend, was da alles passiert.
Manchmal wohnt das Publikum einem Ritual im Ritual bei, dann wieder erinnert der Stil an einen Goa-Rave, da werden die Lyrics eher gezischt und ausgespuckt, es erklingt Wolfsgeheul, Knochen werden aufeinandergeschlagen und gleich danach ertönt Marias glockenhelle Stimme über mindestens drei Oktaven. Meine persönlichen Höhepunkte waren zum einen „Anoana“, bei dem Maria wie eine Göttin auf dem Thron sitzt und auf ihrer Ravanahatthva (indische Fiedel) spielt und natürlich „Hamrer Hippyer“, welches den Abschluss des Auftritts bildete. Dieses Stück lebt von Kai-Uwe Fausts fast monotonem Gesang, einem treibenden Trommelspiel und purer Ekstase auf der Bühne. Lichter flackern, fast alle Bandmitglieder tanzen wie Derwische über die Bühne, springen durcheinander und das Publikum lässt sich in aller Regel davon mitreißen. Meist sucht sich Trommler Schipper auch eine bestimmte Person im Publikum und scheint nur für diese zu trommeln. Grandios! Damit war dann auch schon alles vorbei, die Abschlusszeremonie schloss dieses Kapitel Bandgeschichte und die Band verneigte sich dankbar vorm Publikum. Die Zugabe-Rufe blieben, wie gewohnt, ungehört, da die Auftritte von Heilung in sich geschlossene Rituale bilden, die keinen Platz für extra Titel bieten. Zurück blieb eine tief beeindruckte Zuschauermenge, die vermutlich das Ganze erstmal sacken lassen musste.
Fazit: wir waren erneut fasziniert und mitgerissen von diesem Auftritt. Ich persönlich habe insgesamt vier Rituale miterlebt und jedes Mal war es anders, aber jedes Mal nicht nur extrem beeindruckend, sondern auch tatsächlich heilsam für mich. Heilung schaffen es bei mir wie keine andere Band, dass ich meinen Kopf ausschalten und mich komplett in der Musik und dem Bühnengeschehen verlieren kann. Einen maßgeblichen Anteil daran hatte auch Lichttechniker Kilian Keuchel von Lifelight Design. Er zauberte einen Wald auf den Bühnenhintergrund, ließ Ornamente kreisen und setzte einzelne Personen in den Fokus, wo es nötig war. Außerdem wurden Symbole auf die große Festungsmauer projiziert, was dem Ganzen noch einen besonderen Touch gab.
Insgesamt war hier das Zusammenspiel von Konzert und Location das Tüpfelchen auf dem I. Vielen Dank also an das Team des Festung Königstein Open Air, dass Heilung einen Auftritt ihrer Abschiedstour hier bestreiten konnten. Und vielen Dank, dass wir einmal mehr auf und vor der Festung dabei sein durften.
An dieser Stelle sollte nun eigentlich eine Empfehlung stehen, dass ihr unbedingt mal bei Heilung vorbeischauen solltet, aber das geht leider nicht. Das Kollektiv wird auf unbestimmte Zeit nicht zusammen auftreten, die Beteiligten widmen sich anderen Projekten und lassen Heilung vorerst ruhen. In diesem Sinne: Mange tak – thank you for all – danke, dass wir eure unglaubliche Reise begleiten durften!
Autor: Billie